Aufbruchstimmung in Kenia

Frischer Wind für landwirtschaftliche Genossenschaften

Durch die Tür fällt gerade genug Licht in den fensterlosen Raum um zu erkennen, dass etwa 15 Männer und Frauen eng gedrängt auf groben Holzbänken und Hockern sitzen und auf uns warten. Es ist fast Mittag, die Sonne steht im Zenit und niemand, der nicht unbedingt muss, hält sich im Freien auf. Stark gesüßter Tee mit viel Milch wird aus winzigen Bechern serviert, ein zwangloses Gespräch entwickelt sich. Wer den in dem kühlen, dunklen Raum versammelten Bäuerinnen und Bauern dabei zuhört, wie sie von ihrer täglichen Arbeit erzählen, bekommt sehr schnell einen Eindruck davon, wie hart ihr Leben mitunter ist, welchen Unwägbarkeiten sie ausgesetzt sind. Zögerlich beginnen sie zu erzählen. Wie sie in der Regenzeit ihre Felder bewirtschaften, in der Regel ohne mechanische Hilfsmittel. Wie sie sich Geld leihen müssen für Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel. Die Erträge ihrer Ernten schwanken sehr. In schlechten Jahren reichen sie nicht aus, um ihre Kredite zu tilgen.

Wir befinden uns in dem Gebäude einer kleinen Milch-Genossenschaft in Muranga County, Kenia, etwa drei Autostunden entfernt von Nairobi. Da die Einkünfte aus dem Anbau von Marktfrüchten nur einmal im Jahr anfallen und dazu noch in der Höhe schwer kalkulierbar sind, halten alle der Anwesenden Milchkühe. Niemand hier könnte sich ein Leben ohne seine Tiere vorstellen. Sie alle haben mindestens zwei, einige sogar vier oder fünf Tiere zuhause. Die Durchschnittsleistung liegt bei etwa 5 Litern am Tag und der Auszahlungspreis bei umgerechnet etwas mehr als 30 Eurocent. Erst das Einkommen aus dem Verkauf der Milch ermöglicht es ihnen, ihre Kinder zur Schule zu schicken, da das Schulgeld monatlich gezahlt werden muss.

Die Tiere werden morgens meist irgendwo, wo es etwas grünes, ein wenig Schatten und Wasser gibt, angepflockt, im Laufe des Tages evtl. noch einmal umgesetzt, und kommen dann abends zum Melken wieder in den Stall. Dort erhalten sie Raufutter und Mineralien. Futter wird nur in verhältnismäßig kleinen Mengen angebaut, die Lagermöglichkeiten sind begrenzt. Somit unterliegt die Milchleistung enormen saisonalen Schwankungen, da in der Trockenzeit nicht ausreichend Frischfutter angeboten werden kann. Es reicht meist aus, zumindest ein paar Shilling am Tag durch den Verkauf der Milch zu verdienen, aber das Potential, die Produktion durch verbesserte Fütterung und Herdenmanagement zu steigern, ist groß. Einen Markt für die Milch gibt es auch, der Rohstoff ist heiß begehrt in Kenia und die Molkereien konkurrieren um die Zulieferer.

Die Genossenschaft sammelt die Milch, die meist in Blechkannen angeliefert wird, macht eine Qualitätskontrolle, und kühlt sie auf ca. 6°C ab. Einmal am Tag wird sie dann abgeholt, um in einer regionalen Molkerei weiterverarbeitet zu werden. Diese gehörte früher auch den Genossenschaften, aber heute ist die Situation komplizierter:

Nachdem sich die Genossenschaftsbewegung in Kenia zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst sehr positiv entwickelte und ein Großteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse von Genossenschaften verarbeitet und vermarktet wurden, führten staatlicher Paternalismus und Protektionismus ab den 1970er Jahren zur Abhängigkeit von staatlichen Leistungen. Im Zuge der späteren Liberalisierung der Wirtschaft hielten die geschaffenen Strukturen der Genossenschaften und ihre Verbundeinrichtungen dem verstärkten Wettbewerb nicht stand. Der Genossenschaftssektor geriet in eine schwere Krise und verlor an Bedeutung. Die wirtschaftliche Situation wurde zum Teil dazu ausgenutzt, die bestehenden Unternehmen unter Zwangsverwaltung zu stellen und zu “privatisieren”. Hierbei kam es wiederholt zu Unregelmäßigkeiten und Nepotismus.

Erst 2004 wurde das Genossenschaftsgesetz reformiert und solche “Enteignungen durch die Hintertür” ausgeschlossen. Darauf aufbauend richtet sich der Sektor heute zunehmend unternehmerisch und wettbewerbsorientiert aus. Offiziellen Angaben zufolge sind derzeit rund 30 % der 44 Millionen Einwohner Kenias Mitglieder in Genossenschaften. Deren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt ist erheblich. Der Großteil der Genossenschaften, die wirtschaftlich erfolgreich sind, tätigen ausschließlich Spar- und Kreditgeschäfte.

Im ländlichen Raum gibt es derzeit über 4.000 Genossenschaften. Obwohl viele der vormals wirtschaftlich erfolgreichen landwirtschaftlichen Warengenossenschaften derzeit unprofitabel arbeiten oder inaktiv sind, ist das Potential groß, die Leistungsfähigkeit und den wirtschaftlichen Erfolg dieser Genossenschaften zu steigern. Durch Optimierungen im Management, insbesondere bei den internen und externen Kontrollstrukturen, sowie im Bereich Mitarbeiterqualifizierung, könnten die Dienstleistungen für die Mitglieder leicht deutlich verbessert werden.

Die früheren Verbundstrukturen, die genau diese Funktionen erfüllten, nämlich Betreuung von Neugründungen, Schulungen, Beratungsdienstleistungen und Interessenvertretung gegenüber der Regierung, brachen im Zuge der Krise weitestgehend zusammen und hinterließen einen Schuldenberg. Dieser wurde auf die Mitglieder abgewälzt. Lange Zeit hat diese negative Erfahrung den Neuaufbau verhindert. Mit dem erneuten Erstarken der Genossenschaftsbewegung und dem steigenden Bedarf konnten dann jedoch neue Strukturen etabliert werden. 2014 mündete dieser Prozess in der Gründung eines neuen nationalen Dachverbandes, der Co-operative Alliance of Kenya Ltd. (CAK).

Der DGRV unterstützt im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) CAK dabei, das Management in ausgewählten landwirtschaftlichen Genossenschaften zu optimieren, damit diese ihren kleinbäuerlichen Mitgliedsbetrieben wachstumsfördernde Dienstleistungen anbieten können. Der Dachverband soll zukünftig in Zusammenarbeit mit anderen genossenschaftlichen Einrichtungen verstärkt bedarfsorientierte Serviceleistungen anbieten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Molkereigenossenschaften.

Ziel des heutigen Besuchs in der Milch-Genossenschaft in Muranaga County ist es, ein Bild davon zu gewinnen, in welchen Bereichen die Mitglieder sowie das Management Verbesserungspotenzial in ihrer eigenen Genossenschaft sehen. Daraus werden mögliche Trainings- und Dienstleistungsangebote des Dachverbands abgeleitet. Die Gruppe ist sich einig, dass sie zunächst die Leistung ihrer Kühe verbessern müssen. Aber auch beim Management der Genossenschaft sehen sie Verbesserungspotenzial, beispielsweise in mehr Arbeitsteilung zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Darüber hinaus würden sie ihre Genossenschaft gern weiterentwickeln, so dass sie nicht nur ihre Milch gemeinsam vermarkten können, sondern auch Produktionsgüter wie Dünger oder das Mineralfutter für ihre Kühe gemeinsam einkaufen.

Insgesamt wurden in 2015 über 50 solcher Gespräche in ganz Kenia ausgewertet, um ein repräsentatives Bild davon zu erhalten, welche Angebote CAK prioritär für seine Mitglieder entwickeln sollte. Da der Verband noch immer sehr jung ist, gibt es darüber hinaus grundlegende Diskussionen zu dessen Rolle, der Finanzierung sowie der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Es existieren beispielsweise private Trainings- und Beratungseinrichtungen, die sich auf den Genossenschaftssektor spezialisiert haben. Um hier weitere Anregungen für die Organisationsentwicklung zu erhalten und gleichzeitig die Potenziale in der Wertschöpfungskette Milch besser einschätzen zu können, besuchte eine neunköpfige Delegation bestehend aus der Geschäftsführung und Vertretern des Verbandsrates von CAK sowie Vertretern des für Genossenschaftsangelegenheiten zuständigen Ministeriums für Industrialisierung und Unternehmensentwicklung im Dezember 2015 Deutschland. Im Rahmen des Fachprogramms besuchte die Delegation neben dem Landwirtschaftsministerium und dem DGRV in Berlin eine Vielzahl von Genossenschaften im Raum Nürnberg. Weiterhin fanden Gespräche mit dem Genossenschaftsverband Bayern und der Akademie Bayerischer Genossenschaften statt. Besonders die Idee von Fachausschüssen innerhalb des Verbandes fand breiten Anklang bei der Delegation, aber auch die Themen Prüfung, Aus- und Weiterbildung sowie die Erhöhung der Wertschöpfung durch Spezialisierung wurden intensiv diskutiert. Mit diesen neuen Anregungen geht es auch in 2016 weiter darum, CAK dabei zu unterstützen, das Vertrauen und die Erwartungen, welche die Mitglieder in ihren neuen Verband setzen, zu erfüllen.

Ein Beitrag von Peter Asmussen, DGRV-Abteilung Internationale Beziehungen

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