10. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte am 29. und 30. Oktober 2015


Zahlreiche Gäste und Fachexperten aus fünf europäischen Ländern diskutierten über die letzten 25 Jahre seit dem Fall der Berliner Mauer. „Die Genossenschaften in der Zeit der Wende 1989/90 und der Deutschen Wiedervereinigung“ lautete der Titel der 10. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte, die von fünf genossenschaftshistorischen Stiftungen unter Federführung der Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hamburg) veranstaltet wurde. Gastgeber war das Genossenschaftshistorische Informationszentrum (GIZ, Berlin), dessen Projekt „Wendezeiten“ durch den inhaltlichen Rahmen der Tagung in einen internationalen und spartenübergreifenden Kontext gesetzt wurde.

Bei der Begrüßung der Gäste merkte BVR-Vorstand Andreas Martin an, dass die Tagung in eine äußerst interessante Zeit falle: „Die genossenschaftliche Organisation hat die fundamentalen Umwälzungen vor 25 Jahren erfolgreich bewältigt. Gerade deshalb ist es hilfreich, auf die Geschichte des Umgangs mit derartigen Umwälzungen zu blicken.“ Dr. Martin betonte, dass die europäische Geschichte der letzten 25 Jahre deutlich mache, dass Genossenschaftsorganisationen, die nicht erfolgreich wirtschaften konnten, ihre Marktbedeutung oder ihre genossenschaftliche Identität verloren haben.

Ingrid Schmale von der Universität zu Köln legte die Basis für den Meinungsaustausch, indem sie die grundsätzliche Funktion von Genossenschaften in demokratischen und sozialistischen Systemen definierte. Burchard Bösche betonte, dass die zu DDR-Zeiten gegründeten Genossenschaften nach Zahlen eine große Bedeutung für das Genossenschaftswesen im wiedervereinigten Deutschland hatten.

Die weiteren Beiträge behandelten schwerpunktmäßig drei Sparten: Die Konsumgenossenschaften, die Wohnungsbaugenossenschaften und die Bankgenossenschaften. Aufgrund des Themas „Wiedervereinigung“ war Deutschland der geographische Anker. Beiträge von Referenten aus Russland, Polen, Österreich und Tschechien erweiterten den Blick in den ostmitteleuropäischen Raum.

Anja Herzberg (Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin) lieferte eine breit angelegte Skizze der genossenschaftlichen Transformationsprozesse im ostdeutschen Wohnungsbausektor, während Roswitha Bielefeld und Werner Rustler den Blick auf die Herausforderungen vor Ort fokussierten. Sie schilderten die letzten 25 Jahre im Konsum in Seehausen im Landkreis Stendal.

Auf einem Podiumsgespräch der Ortsbanken schilderten Heinrich Tödter und Werner Albers (Genossenschaftliches Archiv, Hanstedt) authentisch ihre Erlebnisse als Helfer aus dem Westen. Jutta Schulz (ehemals Sparda Bank Berlin) und Dieter Hoefer (Dresdner Volksbank Raiffeisenbank) erzählten von den erfolgreichen Transformationsprozessen im Osten und waren dankbar, dass sie diese selbst aktiv mitgestalten durften. Bei der zweiten Zeitzeugenrunde trafen Mitarbeiter von genossenschaftlichen Spitzenorganisationen aufeinander: Ulrich Frick (EnoCom) schilderte seine Erlebnisse als „Wessi“, der nach der Wende ostdeutsche Kreditgenossenschaften beim Umbau ihrer Filialen beriet. Angela Lorenz und Silvia Poprawa arbeiteten zu DDR-Zeiten bei der Bank für Landwirtschaft und Nahrungsmittelgüterwirtschaft und fanden nach 1989 ihren Weg zur DG BANK (heute: DZ BANK). Karl-Walter Funk teilte seine Erinnerungen als letzter Präsident des Raiffeisenverbands der DDR mit den interessierten Zuhörern.

Die Tagung wurde von der DZ BANK-Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert.


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