Genossenschaft des Monats

Hammer Eis eG, Hamm

Der Jubel der 1.800 Fans in der ausverkauften Halle war riesig. 5:2 stand es am Ende eines spannenden Fights im entscheidenden Play-off-Spiel gegen die Ratinger Ice Aliens. Mit diesem Sieg am 31. März 2017 hatten die Hammer Eisbären die Meisterschaft in der Eishockey-Regionalliga West für sich entschieden. Nicht nur sportlich eine Erfolgsgeschichte. Gut zwei Jahre vorher hatte der Verein noch vor dem Aus gestanden, denn die heimische Eishalle drohte, geschlossen zu werden.

„Das wäre nicht nur für den Verein, sondern für die ganze Stadt Hamm ein herber Verlust gewesen“, sagt Jan Koch, 2. Vorsitzender des Eishockeyvereins und zugleich Gründungs- und Vorstandsmitglied der Hammer Eis eG. Die Genossenschaft hatte Koch gemeinsam mit sieben weiteren Vereinsvertretern im ersten Halbjahr 2015 in beeindruckender Geschwindigkeit aus der Taufe gehoben, um die Schließung der städtischen Eishalle im westfälischen Hamm doch noch abzuwenden.

Die Mission ist geglückt. Zwei Jahre nach den Schließungsplänen verzeichnet die Eishalle steigende Besucherzahlen und hat das erste Geschäftsjahr in genossenschaftlicher Hand mit einer schwarzen Null abgeschlossen.

Doch von vorn: Im November 2014 sprach sich der Aufsichtsrat der Maximilianpark GmbH als Tochtergesellschaft der Stadt Hamm und Betreiberin der Maximilian Eissporthalle Hamm für die Schließung der Eishalle aus. Die umfangreichen notwendigen Sanierungen und der jährliche Unterhalt wären finanziell nicht mehr zu stemmen gewesen.

Mit der Schließung der Halle hätten nicht nur die rund 250 Vereinsmitglieder der Hammer Eisbären ihre sportliche Heimat verloren. Auch Tausende Kinder, Jugendliche, Schulklassen und andere begeisterte Schlittschuhläufer hätten auf ihre geliebte Freizeitaktivität verzichten müssen. „Anders als ein Fußballverein kann eine Eishockeymannschaft nicht einfach auf den nächsten Trainingsplatz zwei Straßen weiter ausweichen“, so Koch. „Nach der Schließung der Eishalle in Münster ist die nächste Eislauffläche in Unna rund 30 Kilometer entfernt.“

Eine schnelle Lösung musste also her. In nur wenigen Wochen entwickelten die acht Initiatoren ein Rettungskonzept, das sie bereits im Januar 2015 an die Stadt übergaben und im Februar in den Ratsfraktionen präsentierten. „Wir haben uns dabei sehr schnell auf die Rechtsform der Genossenschaft geeinigt, da wir die breite Öffentlichkeit mitnehmen wollten“, beschreibt Koch. „Zudem bietet die Genossenschaft einfach die größte Transparenz und es ist viel leichter, Eigenkapital einzusammeln als zum Beispiel mit einer GmbH.“

Vorbild für das genossenschaftliche Rettungskonzept war die Eishalle in Basel, die bereits seit vielen Jahren von einer Genossenschaft betrieben wird. Nachdem der Stadtrat grünes Licht für das Konzept gegeben hatte, wurde die Hammer Eis eG im April 2015 gegründet und im Juli 2015 im Genossenschaftsregister eingetragen.

Unterstützung aus der Bevölkerung
Heute hat die Genossenschaft rund 200 Mitglieder, die insgesamt gut 1.000 Anteile zu je 100 Euro gezeichnet haben. „Natürlich sind unter den Genossenschaftsmitgliedern viele Mitglieder und Anhänger des Eishockeyvereins. Überrascht hat uns aber, wie viele Bürger Anteile gezeichnet haben, einfach, weil sie gesehen haben, mit wie viel Herzblut wir an die Sache herangegangen sind und unser Vorhaben unterstützen wollten“, beschreibt Koch den Zuspruch aus der Hammer Bevölkerung.

Die Zielgröße von 200.000 Euro Eigenkapital aus Genossenschaftsanteilen ist zwar erst gut zur Hälfte erreicht, aber es kommen immer noch neue Mitglieder dazu. „Im nächsten Jahr wollen wir erstmalig eine Dividende an unsere Mitglieder ausschütten. Vielleicht motiviert das ja noch weitere Bürger, Anteile an der Genossenschaft zu zeichnen“, hofft Koch.

Frisches Geld kann die Genossenschaft gut gebrauchen, denn an der über 30 Jahre alten Halle sind umfassende Sanierungsmaßnahmen notwendig. „Die städtischen Zuschüsse und Erträge aus dem laufenden Betrieb haben in den vergangenen Jahren gerade gereicht, um die Personalkosten zu decken. Für Sanierungen oder Modernisierungen blieb da nichts mehr übrig“, beschreibt Koch den großen Investitionsstau.

In den Sommermonaten nach der Übernahme der Halle legte die Genossenschaft daher erst einmal umfassend Hand an. In der Umbauphase wurden nicht nur rund 260.000 Euro, sondern auch mehr als 3.000 Arbeitsstunden von rund 75 größtenteils ehrenamtlichen Helfern investiert.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Außenfassade wurde komplett gestrichen, die Sanitäranlagen saniert, die Soundanlage erneuert und die komplette Hallenbeleuchtung durch energieeffiziente LED-Leuchten ersetzt. Zudem wurde der gesamte Gastronomiebereich kernsaniert und komplett modernisiert.

Heute ist die „Blueliner Sportsbar und American Diner“ vor allem bei der jungen Zielgruppe sehr beliebt und ein zentraler Erfolgsfaktor für die Eishallen-Genossenschaft. „Überhaupt erfreut sich die Eishalle gerade bei den jungen Leuten wieder größerer Beliebtheit“, freut sich Koch. „Das liegt wohl nicht zuletzt an der neuen Lasershow und dem modernen Sound- und Lichtkonzept für die samstägliche Eis-Disco.“

Steigende Besucherzahlen
Rund 50.000 Gäste haben die Eishalle in der vergangenen Saison besucht, etwa 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Geöffnet ist jeden Tag, neben der Eis-Disco am Samstag sind vor allem die Familiensonntage und andere Sonderveranstaltungen beliebt. In den Sommermonaten von Mai bis Juli wird das Eis abgetaut. In dieser Zeit werden die Sanierungsarbeiten vorgenommen, aber die Halle kann auch für Events gemietet werden. So nutzt zum Beispiel eine Gruppe von Inline-Hockey-Spielern die Halle im Sommer für ihre Matches.

Für die Zukunft hat die Genossenschaft noch viele Pläne in der Schublade. Diese betreffen vor allem die Energieeffizienz, denn die Eishalle ist mit einem jährlichen Stromverbrauch von rund 600.000 Kilowattstunden ein echter Energiefresser. Nach dem Austausch der Hallenbeleuchtung steht nun im Sommer daher zunächst die Installation einer Photovoltaikanlage an. Und auch die alte Eisanlage muss früher oder später saniert werden, um energieeffizienter zu werden.

Die Stadt lässt die Genossenschaft mit diesen Plänen nicht allein, sondern unterstützt die Eishalle auch weiterhin mit Zuschüssen. Diese sind allerdings nur noch rund halb so hoch wie vor der Übernahme durch die eG. Für die nächsten fünf Jahre sind rund 1,5 Mio. Euro an städtischen Geldern zugesagt, die größtenteils zweckgebunden für die notwendigen Sanierungen zur Verfügung gestellt werden.

In der Genossenschaft blickt man optimistisch in die Zukunft. Mittelfristig soll die Halle ganzjährig geöffnet bleiben. Und die Hammer Eisbären wollen in ihrem rundumerneuerten „Zuhause“ natürlich auch in Zukunft große Erfolge mit ihren Fans feiern.

Weitere Beispiele erfolgreicher Genossenschaften finden Sie auf www.genossenschaften.de

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